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Archiv der Kategorie: (Un)Demokratisches

German Federal General Assembly: A new board must be found – Deutscher Bundesparteitag: Ein neuer Vorstand muss gefunden werden

Ein PirateTimes – Artikel von Andrew Reitemeyer.

(Übersetzung ins Deutsche, ursprünglicher Text in englischer Sprache unter http://piratetimes.net/german-federal-general-assembly-a-new-board-must-be-found/)

Orangener Flyer der Piratenpartei zu einem Papierschiff gefaltet - freigestellt
von Piratenpartei Deutschland (https://secure.flickr.com/photos/piratenpartei/3860720372/) [CC-BY-2.0], via Flickr

An diesem Wochenende, vom 27. – 29. Juni 2014, sind die deutschen Piraten aufgerufen, sich in der Stadt Halle in Sachsen-Anhalt zu einem Bundesparteitag zu versammeln. Halle befindet sich nahe der früheren Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland und das dient als Analogie für die Teilung, die die Bundespartei in Atem hält.

In einem vorherigen Artikel habe ich die Krise analysiert, die zum Rücktritt des halben Bundesvorstandes und zur Absicht seiner verbleibenden Mitglieder, sich nicht erneut zur Wahl zu stellen, führte. Der gesamte Vorstand muss ersetzt werden, was zu einem Verlust des institutionelllen Gedächtnisses führen kann. Der neue Vorstand könnte feststellen, dass er alles von Grund auf neu lernen muss. Hoffentlich werden vorherige Vorstandsmitglieder zur Verfügung stehen, um den neuen Mitgliedern zu helfen, ihren Weg zu finden.

Das bedeutet, dass die Piraten versuchen müssen, Kompromisse zu schließen, was nicht einfach zu erreichen sein wird, wenn sie Führungskräfte wollen, die keine Ziele für Trolle und Erpressung von verschiedenen Fraktionen der Partei sind. Die Piraten müssen zeigen, dass, trotzdem offene und transparente Demokratie nicht schön ist, sie funktioniert.

Allerdings gibt es nicht nur Verdammnis und Trübsal in der Piratenpartei Deutschland, wie die deutsche Presse euch glauben macht. Auf lokaler und regionaler Ebene wird von Piraten harte Arbeit geleistet. Stammtische werden immer noch regelmäßig abgehalten und bringen den Menschen in ihrer Gemeinde die Botschaft der Piraten nahe. Außerdem gibt es viele Piraten in Landesregierungen und Stadträten, die ihre Wählerschaften repräsentieren. Die Piratenpartei Nordrhein-Westfalen ist immer noch die weltgrößte Piratenpartei, gemessen an den von ihr repräsentierten Menschen. Eine schwere Bürde ruht auf diesen Repräsentanten. Sie müssen zeigen, dass die Piraten eine wirkliche Macht für Veränderung in der Politik sind.

Die Pirate Times wünscht der Piratenpartei Deutschland zusammen mit Piraten in aller Welt einen harmonischen und erfolgreichen Parteitag in Halle.

Originaltext in englischer Sprache von Andrew Reitemeyer (http://piratetimes.net/german-federal-general-assembly-a-new-board-must-be-found/) [CC-BY-2.0], via PirateTimes

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Are we a Pirate Pachydermocracy? – Sind wir Piraten eine Dickhäuter-kratie?

Ein PirateTimes – Artikel von Andrew Reitemeyer.

(Übersetzung ins Deutsche, ursprünglicher Text in englischer Sprache unter http://piratetimes.net/are-we-a-pachydermocracy/)

Where's my elephant gun?
von Jim Crossley (https://secure.flickr.com/photos/raindog/140950311/) [CC-BY-NC-SA-2.0], via Flickr

In der „rauen und unsicheren“ Welt der Politik wird oft gesagt, dass man eine dicke Haut haben muss, um Politiker zu sein. Das bedeutet, dass – egal unter welcher Art von repräsentativer Regierung du lebst – du von Menschen regiert wirst, die eine dicke Haut haben.

 

Es gibt einen Begriff dafür, Dickhäuter: bezeichnend jede Art von verschiedenen dick-häutigen Säugetieren mit Hufen, wie der Elefant oder das Flusspferd. In Erweiterung dessen, ist eine Dickhäuter-kratie¹ die Herrschaft durch Menschen, die willens und fähig sind, mit den fairen und noch öfter unfairen Attacken aus Öffentlichkeit, Medien und von anderen Politikern umzugehen. Das wird in den meisten Parlamenten als etwas Gutes betrachtet, besonders jenen, die auf dem Westminster-System basieren, wo Schimpfworte, Beleidigungen und sogar offenes Mobbing als normale Vorgehensweise angesehen werden.

Ein Nebeneffekt ist, dass oft die fähigsten und talentiertesten Menschen von politischer Macht ausgeschlossen oder hinausgedrängt werden, weil sie nicht die „richtige“ Persönlichkeit haben; sie sind keine Dickhäuter. Diese Ungerechtigkeit ist typisch für die meisten politischen Organisationen, aber das sollte sie nicht in der Piratenpartei sein. Wir wollen die Welt verändern. Viele von uns streben höhere Bürgebeteiligung an, auch mit Hilfe von direkter Demokratie durch Online-Systeme wie Liquid Democracy. Damit das möglich wird, müssen wir Veränderungen im politischen Diskurs erreichen. Allerdings werden wir das schwerlich erreichen, wenn wir uns genauso aufführen wie alle anderen Parteien.

Viele nutzen das recht auf Redefreiheit als Ausrede, um ihre Mit-Piraten persönlich anzugreifen, zu trollen und zu mobben, im Versuch ihnen ihre eigene Ideologie aufzuzwingen. Die traurige Wahrheit ist, dass das oft funktioniert, indem sie ihre Opfer an den Rand oder gleich ganz aus der Partei drängen. So sollte eine Demokratie nicht funktionieren. Alle Piraten haben das Recht zu sprechen, aber nicht das Recht, dieses Privileg zu missbrauchen.

Es sind nicht nur Piraten, die destruktive Taktiken nutzen werden. Staatliche und private Nachrichtendienste, wie Stratfor und Total Intelligence Solutions können und werden Organisationen sabotieren, die sie als Bedrohungen ansehen. Dies wurde berichtet von dem Think-Tank „Center for Corporate Policy“ in dem Bericht aus dem Jahr 2013 „Spooky Business: Corporate Espionage Against Nonprofit Organizations“ (Gruseliges Geschäft: Unternehmensspionage gegen Non-Profit-Organisationen). Es wäre nicht überraschend zu erfahren, dass solcherlei Infiltration gegen uns eingesetzt wird.

Um uns vor uns selbst und anderen zu schützen, müssen wir sehr darauf achten, wie wir uns verhalten und wie wir uns von anderen beeinflussen lassen. Es gibt zwei interessante Bespiele, die wir uns ansehen können: die Piraten des 17. Jahrhunderts und die internationale Diplomatie.

  • In den Piratenkodizes, die Piraten nutzten, um sich selbst zu regieren, war der Kampf zwischen Piraten an Bord des Schiffes verboten. Wenn es Meinungsverschiedenheiten beizulegen galt, wurde das an Land getan. Offiziere wurden gewählt und solange sie die Macht innehatten, hatten sie die Unterstützung der Mannschaft. Die Ziele der Piraten wurden gegenseitig akzeptiert. Die Führung erleichterte das Erreichen dieser Ziele.
  • Durch das Fehlen einer übergeordneten Autorität, werden internationale Beziehungen im gegenseitigen Einvernehmen geführt. Ohne allseits akzeptierte Regeln, würde Diplomatie überhaupt nicht funktionieren. Die internationale Diplomatie mag nicht perfekt sein, aber sie funktioniert und das in einem Zusatnd der Anarchie.

In beiden Bereichen ist Selbstdisziplin unabdingbar für harmonische Kooperation und erfolgreiche Ergebnisse. Wir müssen persönliche Verantwortung dafür übernehmen, wie wir einander behandeln.

Was können wir tun, um sicherzustellen, dass unser Umgang miteinander produktiv und nicht destruktiv ist?

  • Wir müssen lernen, Prinzipien und politische Ansichten auf starke, logische und überzeugende Weise zu verteidigen, ohne unsere Mit-Piraten direkt anzugreifen.
  • Wir müssen lernen, wie wir piratige Grundsätze und Höflichkeit zum Kern all unseren Umgangs miteinander machen.
  • Wir müssen uns selbst demokratisch Ziele setzen und – wenn sie gesetzt wurden – zusammenarbeiten um diese Ziele als eine Einheit zu erreichen.

Allerdings brauchen wir immer noch Dickhäuter. Wir wollen Kandidaten in den Wahlkampf schicken, wo unsere politischen Gegner mehr als bereit sind, jede wahrnehmbare Schwäche zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie werden sehr viel Scheiße hinnehmen müssen, während sie in den Wahlkämpfen und den Kammern der Parlamente für die Politik der Piraten kämpfen. Aber wir wollen, dass jeder Pirat seinen Teil zur Partei beitragen kann, ohne sich gegen überflüssige Angriffe aus der Partei selbst verteidigen zu müssen.

In diesem ersten einer Serie von Artikeln, wird die PirateTimes euch eine Reihe von Grundlagen und Werkzeugen aufzeigen; diese werden euch und euren Parteien helfen, Wege zu entwickeln, um in euren Foren den Anstand zu wahren und eure Versammlungen Dinge reibungslos erledigen zu lassen.

Originaltext in englischer Sprache von Andrew Reitemeyer (http://piratetimes.net/are-we-a-pachydermocracy/) [CC-BY-2.0], via PirateTimes

 

¹ Das englische Wortspiel „Pachydermocracy“ aus „pachyderm“ (Dickhäuter) und „democracy“ (Demokratie) hat die Übersetzung leider nicht überlebt.

 

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What is happening in the Pirate Party of Germany? – Was passiert in der deutschen Piratenpartei?

Ein PirateTimes – Artikel von Andrew Reitemeyer.

(Übersetzung ins Deutsche, ursprünglicher Text in englischer Sprache unter http://piratetimes.net/what-is-happening-in-germany/)

Pirate fight
von Sonja Stark (https://www.flickr.com/photos/pilotgirl/3857134779/) [CC-BY-NC-SA-2.0], via Flickr

Update – Artikel auf deutsch auch in der Flaschenpost:

Mittlerweile wurde der Artikel auch im Piraten-Nachrichtenmagazin Flaschenpost in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Auch dort natürlich unter einer freien Creative Commons-Lizenz. Viel Spaß. 😉

Und jetzt der Artikel:

Nach dem kometenhaften Aufstieg der Piratenpartei Deutschland zwischen 2009 und 2013, scheint die Partei im Niedergang begriffen und von Krise zu Krise zu taumeln. Die letzte war „Bombergate„, in der zwei junge Frauen an einem Anti-Neonazi-Protest beteiligt waren. Ihre Gesichter waren maskiert und sie waren oben ohne – im Femen-Stil. Eine von ihnen hatte die Worte „Thanks Bomber Harris“ auf ihren Körper geschrieben.

Bombergate

Eine der Frauen wurde in der Presse als Anne Helm entlarvt, die als fünfte Kandidatin der Liste der Piratenpartei Deutschland für die Europawahl antrat. Der Bundesvorstand entschied, Anne beizustehen, als sie von Neo-Faschisten bedroht wurde. Sie von der Liste zu entfernen stand für den Vorstand nicht zur Debatte. Es war zu spät, selbst wenn sie gewollt hätten. Das verursachte Empörung in einigen Teilen der Partei und fünf Landesverbände gaben Stellungnahmen gegen die Position des Vorstandes heraus. Viele Mitglieder verließen die Partei. Auch gab es einen Streik der IT- und Verwaltungsabteilungen der Partei, die alle versuchten, die Führung zu einer politischen Stellungnahme zu zwingen. Diese Aktionen führten zum sofortigen Rücktritt der Hälfte der Vorstandsmitglieder. Das machte den Vorstand handlungsunfähig und ein kommissarischer Bundesvorstand wurde bis zur Durchführung des außerordentlichen Bundesparteitages in Halle vom 27. bis 29. Juni 2014 eingesetzt.

Der deutsche Kontext

Bombergate war nicht die einzige Ursache der Reaktionen. Es gab das Fahnengate, bei dem eine antifaschistische Flagge am Veranstaltungsort des Bundesparteitages 2013 in Bochum aufgehangen wurde. In diesem Kontext stand auch die „Rote Flora“ in Hamburg, wo Anarchisten sich mit der Polizei wegen des Rechtes zur Besetzung eines Hauses bekämpften und die Führung der Piratenpartei sich zugunsten der Anarchisten aussprach. Bei einem anderen Vorfall warf eine weitere Piratin (eine Kandidatin für den Berliner Landesvorstand der Piraten) einen „falschen“ Molotowcocktail auf die Russische Botschaft. Diese Aktionen führten zu einem allgemeinen Gefühl der Verunsicherung bei Piraten des neoliberalen¹ Flügels der Partei. Sie fühlten sich regelmäßig überwältigt vom linken Flügel.

Eine andere Sache die wir wissen müssen, um zu verstehen, warum eine solche Reaktion provoziert wurde, ist, wer Bomber-Harris war und warum er in Deutschen immer noch starke Emotionen wach ruft. Arthur Harris war verantwortlich für die flächendeckende Bombardierung von Städten, bei denen vorsätzlich die Zivilbevölkerung ins Ziel genommen wurde und deren Absicht es war, einen Feuersturm zur Sicherstellung maximaler Opferzahlen zu entfachen. Viele betrachten ihn als Kriegsverbrecher. In Hamburg verloren 42.600 Menschen ihr Leben und in Dresden 25.000. Dresden, die Stadt, in der sich der Vorfall mit Anne Helm ereignete. Heutige Deutsche haben bezüglich des Krieges gemischte Gefühle, aus geerbter Schuld für die Gräueltaten der Nazis und Wut über die an der Generation ihrer Eltern und Großeltern verübte Vergeltung.Jede politisch aktive Person, die sich auch nur auf die Nazi-Zeit bezieht, fordert die Gefahr heraus. Es ist immer noch illegal Nazi-Propaganda zu fördern und die Deutschen sind sehr empfindlich bei dem ganzen Thema. In einem früheren Vorfall wurde ein Sprecher der Piratenpartei Deutschland, der die Aufstiegs-Geschwindigkeit der Partei mit der der Nationalsozialisten verglich, heftig kritisiert. Die Bombergate-Aktion sollte rebellisch sein, aber der Effekt sollte nicht der Piratenpartei gelten.Das frühere Vorstandsmitglied Sebastian Nerz bezeichnete die Partei als sozial-liberal. Das kombiniert ziemlich gut die humanitären, kommunitaristischen Tendenzen des linken Partei-Flügels und die individualistische Laissez-faire Vorliebe des rechten Flügels. Im Ergebnis präsentiert die Partei, obwohl sie Mitglieder mit verschiedenen Ansichten hat, den Wählern ein neutrales Gesicht. Der rechte Flügel fürchtet nun, dass die jüngsten Ereignisse einen Linksruck bedeuten.

Spannungen

Während ihres rapiden Wachstums, hat die Partei Menschen aus allern Teilen des politischen Spektrums angezogen. Am meisten, die über den steigenden Einfluss von Regierungen und Unternehmen auf das Internet besorgten. Zum Beispiel Anarchisten und Neoliberale, die – obwohl beide weniger staatliche Einflussnahme auf individuelle Leben sehen möchten – sehr verschiedenartige Weltanschauungen haben. Das Resultat sind konstante interne Spannungen. Meistens ist das eine gute Sache, wenn neue Ideen in einem intellektuellen Ringen mit vernünftiger Diskussion und gegenseitigem Respekt getestet werden können. Das Ergebnis sind gute, wohl durchdachte und innovative politische Positionen. Die Gefahr ist, dass die Leute sich in jedem Moment entlang der alten Trennlinien spalten und einander attackieren können. In einem Klima, in dem Trollen als legitime Form der Redefreiheit betrachtet wird und persönliche Angriffe und Mobbing ignoriert werden, ist das bewusste Auflösen von Differenzen schwierig.

Ein Demokratie-Defizit?

In einer Partei-Struktur ist es das Ideal, sich hinzusetzen und zu einem Konsens über politische Positionen und Manifeste zu kommen und diese gemeinsam der Öffentlichkeit zu präsentieren. In Treffen auf Kreis- und Landesebene ist es relativ einfach, zu einem Konsens zu finden, aber auf der Bundesebene ist das schwieriger. Um über die Bundespolitik und Parteiämter abzustimmen, muss man an den Bundesparteitagen teilnehmen. Das ist schwieriger für eine große Zahl von Parteimitgliedern, weil Reisestrecken und Kosten immer höher werden, je weiter entfernt, die Treffen stattfinden. Das bedeutet, dass die Parteitage von selbst diejenigen Mitglieder bevorzugen, die den reicheren Teil der Partei darstellen und auch die, die Auszeiten von der Arbeit und familiären Verpflichtungen nehmen können. LiquidFeedback-Instanzen wurden auf Bundes- und Landesebene eingesetzt und als informelle Abstimmungen gedacht, auf die sich die Führungsebene und Kandidaten beziehen können. Allerdings werden sie auf Bundesebene nicht genutzt, weil sie kein [sic]. Letztes Jahr scheiterte knapp ein Versuch, eine ständige Online-Mitgliederversammlung einzurichten, was bedeutet, dass die Macht weiterhin beim physischen Parteitag verbleibt.

Es scheint, es gäbe eine Art von Demokratie-Defizit in der Partei, dass – in einer Partei, die höhere Bürgerbeteiligung in der Politik erreichen möchte – eher unglücklich ist. Es führt außerdem zu einem hohen Grad an Frustration, der nicht einfach Ausdruck verliehen werden kann. Das resultiert in politischen Aktionismus innerhalb der Partei um jeden Preis, einschließlich Trollen, bösartigen persönlichen Angriffen einschließlich Todes- und Vergewaltigungs-Drohungen. Einiges davon kann Sabotage durch Trolle – Infiltratoren aus anderen Parteien and Organisationen, die von den politischen Positionen der Piraten bedroht werden – angelastet werden. Allerdings gibt es ein systematisches Problem, dass die internen Abläufe der Partei anfällig für selbstzerstörerische Streitigkeiten macht.

Von einem chaotischen Anfang…

Während ihrer Wachstumsphase formulierte die Partei innovative politische Positionen unter einer Führung, die selbst noch ihren eigenen Weg finden musste. Das Ergebnis war einen Partei, die nicht ideologisch fixiert war, sondern von einer großen Bandbreite von Weltbildern zehren konnte. Die Führungsebene reflektierte das an die Partei, die Öffentlichkeit und die Presse. Auf den folgenden Parteitagen wurde eine kollektive Entscheidung getroffen, den Weg der Partei enger zu begrenzen. Es gab gute Gründe dafür. Größere Versammlungen brachten nicht viel zustande, je mehr Stimmen darum stritten, gehört zu werden.

… zu einer chaotischen Gegenwart

Jetzt steht die Partei an einem Scheideweg. Welche Richtung sie einschlagen wird, wird nicht in Halle entschieden. Sie wird einen neuen Vorstand wählen müssen, aber diese Vorstandsmitglieder werden die Partei durch einen Prozess des miteinander Redens, des gegenseitigen Respekts und der Verständigung führen müssen. Nur die Partei selbst kann die notwendigen Veränderungen bewirken, durch einen völlig offenen und demokratischen Prozess. Eine Sache, die sie vielleicht in Erwägung ziehen möchte, ist ein Verhaltenskodex. Einer, der beinhaltet, die Partei in der Öffentlichkeit „nicht in Verruf zu bringen“ und „Höflichkeit und Respekt“ im Umgang mit einander.

Unser Gründer, Rick Falkvinge sagte:

Hin und wieder wird in Frage gestellt, warum die Piratenpartei den politischen Weg nahm, um Privatsphäre und andere Freiheiten zu sichern und die Monopole zu reformieren, die dem im Weg stehen, wie etwa das Urheberrechts-Monopol. Die Antwort ist einfach: Aktivismus ist nicht genug.

Wir sind eine Partei, eine die dafür sorgen will, dass unsere Kandidaten gewählt werden und andere Parteien unsere Positionen übernehmen.

  • Wir brechen nicht das Gesetz, auch wenn wir mit denen symphatisieren mögen, die meinen, sie müssten es.
  • Wir geben uns keinen Aktivitäten hin, die den Namen der Piraten in Verruf bringen.
  • Wir weichen nicht von den Positionen und Richtungen ab, die wir demokratisch entschieden haben.
  • Wir halten unsere gewählten Führungspersonen nicht davon ab, den Job zu machen, den wir ihnen aufgetragen haben.
  • Wir wollen keine Top-Down-Hierarchie sein, wie es die meisten politischen Parteien sind.

Wir sind eine internationale basisdemokratische Bewegung und wir tragen alle Verantwortung für einander.

Wie stellen wir das sicher?

Wir werden diese Frage angehen, in einer Serie von Artikeln, die betrachten, wie wir unsere Positionen verteidigen und andere Piraten von der Richtigkeit unserer Positionen überzeugen können und lernen können, auch ihren zuzuhören und sie zu akzeptieren.

Dieser Leitartikel ist eine Einzelmeinung zu einer komplexen Situation. Ich gehöre dem linken Flügel der Partei an und obwohl ich versuche objektiv zu sein, lässt sich einiger Subjektivismus nicht vermeiden. Einige Punkte könnten auch anders interpretiert werden, als von mir beabsichtigt.²

Originaltext in englischer Sprache von Andrew Reitemeyer (http://piratetimes.net/what-is-happening-in-germany/) [CC-BY-2.0], via PirateTimes

 

¹ Anm. d. Übers.: Ich bin nicht ganz sicher ob der im Englischen gebrauchte Ausdruck „neo-liberal“ tatsächlich dieselbe Bedeutung hat bzw. inwiefern die Piratenpartei einen neoliberalen Flügel hat – es mag auch nur ein einfach liberaler gemeint sein. Mangels Alternativen wählte ich die wörtliche Übersetzung.

² Diese Anmerkung stammt vom ursprünglichen Autor des Artikels in englischer Sprache.

 

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Why you should protest the TTIP? – Warum sollte man gegen TTIP protestieren?

Ein PirateTimes – Artikel von Zbigniew Łukasiak.

(Übersetzung ins Deutsche, ursprünglicher Text in englischer Sprache unter http://piratetimes.net/why-you-should-protest-the-ttip/)

Stop TTIP
von worker (http://openclipart.org/detail/190465/stop-ttip-by-worker-190465) [CC0-1.0], via openclipart

Wir waren alle so froh, als das Europäische Parlament vor 2 Jahren ACTA ablehnte. Aber die Lobby-Maschinerie ruht niemals; die großen Unternehmen werden jede Gelegenheit nutzen, die selben Bestimmungen in jedes internationale Abkommen einzuschmuggeln, das unsere Regierungen unterzeichnen. Und sie wenn möglich werden sie neue Sachen hinzufügen, wie das Investor State Dispute Settlement (ISDS). Es gibt reichlich Beispiele dafür, wie das funktioniert – von Philip Morris Rechtsstreit gegen die australische Regierung wegen der Einführung von Gesundheitswarnungen auf Zigarettenverpackungen über Eli Lillys Klage gegen Kanada wegen der Ablehnung eines Patentanspruchs bis zu den exorbitanten Rechtskosten, denen verklagte Staaten gegenüberstehen. Warum sollten wir das riskieren, wenn gegenwärtig die Investitionen zwischen den USA und der EU die höchsten der Welt sind? Anscheinend betrachten Investoren das europäische Rechtssystem nicht als unzureichend.

Es ist wahrscheinlich wahr, dass in der Vergangenheit internationale Abkommen nie in aller Öffentlichkeit verhandelt wurden. Es war technisch unmöglich. Aber jetzt haben wir das Internet. Verhandlungstaktiken erfordern es, dass der Gegenseite nicht alles freimütig enthüllt wird, aber Dokumente, die bereits zwischen den Seiten ausgetauscht wurden, sind für keine davon ein Geheimnis. Also warum werden sie vor uns geheim gehalten?

Die Leaks der Verhandlungen machen uns kein bisschen weniger misstrauisch. Zum Beispiel liest sich das letzte davon wie „Europäische Unternehmen möchten dies und das, im Austausch hätten die US-Unternehmen gerne das und das“, aber was für ein Austausch ist das? Wenn die US-Regierung Fernsehsendern zusätzliche Rechte gewährt, reduziert sie die Freiheit all ihrer anderen Bürger und Unternehmen. Wenn Europa dem Schutz von medizinischen Versuchsdaten zustimmt, würde es die Freiheit all seiner Bürger beschränken, diese Daten zu nutzen. Es ist nicht so, dass die europäischen Unternehmen die Kosten der Privilegien tragen, die die US-Unternehmen bekommen und es ist nicht so, dass die US-Unternehmen die Kosten der Privilegien der europäischen Unternehmen tragen. Es wären die gesamten Gesellschaften, die die Kosten trügen und nur die Unternehmen bekämen die Vorteile. Die Verhandlungsteilnehmer sind Regierungsvertreter – aber der Interessenskonflikt besteht nicht zwischen den Regierungen – sondern zwischen den Unternehmen und den Bürgern. Wir befürchten, dass die Regierungen erpicht darauf sind, ausländischen Unternehmen Privilegien zu gewähren, im Austausch für Privilegien für ihre inländischen Unternehmen und dabei die Kosten für die Gesellschaften beiderseits des Atlantiks vergessen. Im Besonderen befürchten wir, dass:

  • der „freie Datenfluss“ zwischen den USA und Europa einen Weg bedeutet, unsere Datenschutzrechte zu umgehen.
  • das Abkommen zusätzliche Urheberrechts-verwandte Monopole einräumt (wie Fernsehsender-Rechte oder Schutz medizinischer Versuchsdaten oder Schutz von Mode-Design).
  • es die Reform aller bestehenden Monopole auf geistiges Eigentum noch schwerer machen wird – weil jede Veränderung die Änderung eines internationalen Abkommens erfordern würde.
  • es Staaten zwingen wird, ihren gegenwärtigen Verbraucher- und Umweltschutz herabzusetzen und es viel schwerer machen wird, neue einzuführen.
  • der ISDS-Mechanismus zusätzliche Mechanismen hinzufügen wird, um Länder zu strengerem Schutz geistigen Eigentums zu drängen.
  • ISDS Länder davon abhalten kann, für den öffentlichen Bedarf auf Freie Software-Lizenzen zu bestehen.

ISDS von Unternehmen benutzt werden wird, um Geld oder eine ihnen genehme Gesetzgebung von Regierungen zu erpressen.

Wir wollen nicht mit dem Rücken zur Wand gestellt werden. Das TTIP-Abkommen könnte viele vorteilhafte Bestandteile haben – wir wollen das rechtzeitig wissen, um Verbesserungen vorzuschlagen, damit uns nicht nur zwei Optionen bleiben: Es anzunehmen oder abzulehnen. Und wir wollen nicht, dass ISDS überhaupt Bestandteil des Abkommens wird. Wir trauen den Beteuerungen nicht ganz, dass die neuen Formulierungen das Recht der Regierungen, zu regulieren, nicht beschränken und, was noch wichtiger ist, wir wollen nicht, dass große Unternehmen souverän werden und noch mehr Macht über unsere Regierungen haben.

ACTA ist gescheitert, weil Menschen dagegen gekämpft haben. Wir müssen es wieder tun.

Originaltext in englischer Sprache von Zbigniew Łukasiak (http://piratetimes.net/why-you-should-protest-the-ttip) [CC-BY-2.0], via PirateTimes

 

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Video

Europa. Grenzenlos. – Statement Amelia Andersdotter

(Video in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln, ursprüngliches Video unter https://www.youtube.com/watch?v=0kjv8Jo-F8I)

Originalvideo in englischer Sprache von Amelia Andersdotter (https://www.youtube.com/watch?v=0kjv8Jo-F8I) [CC-BY-3.0], via YouTube

 

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The World Is Changing – Die Welt verändert sich

Rede von Julia Reda zur Gründung der Europäischen Piratenpartei in Brüssel.

(Übersetzung ins Deutsche, ursprünglicher Text in englischer Sprache unter https://www.piratenpartei.de/2014/03/21/the-world-is-changing/)

Julia Reda
von Aktron (https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AEP%2C_Brusel%2C_Julia_Reda.jpg) [CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons

Liebe Piraten, liebe Freunde,

Die Welt verändert sich.

Die digitale Revolution hat einen Einfluss, der sich sogar als noch tiefer gehend, als der der industriellen Revolution erweisen wird. In der industriellen Revolution erschien eine politische Bewegung, die sicher stellte, dass die Vorteile neuer Technologie nicht nur die Vorteile der Mächtigen sein würden.

Wer wird diese Rolle in der digitalen Revolution spielen? Wir sind heute hier, weil wir die Art von Menschen sind, die neue Technologie als eine großartige Gelegenheit sehen. Nicht als Bedrohung.

Wir haben einen flüchtigen Eindruck einer neuen Welt gesehen, in der jeder freien Zugang zu Wissen und Kultur hat. In der gewöhnliche Menschen sich über Grenzen hinweg verbinden und eine politische Bewegung bilden können.  In der Demokratie nicht nur ein Projekt einer kleinen Gruppe gewählter Repräsentanten, sondern aller Menschen, ist.

Aber was wir auch sehen, ist beispiellose Überwachung durch die Regierung, online und offline. Und wir sehen wachsende Kontrolle großer Unternehmen über das Internet. So klar, dass es nicht genug ist, sich zurück zu lehnen und zu erwarten, dass aus technologischem Fortschritt automatisch gesellschaftlicher Fortschritt wird.

Ich sehe hier viele Menschen, die dafür kämpfen wollen, dass das Internet ein Werkzeug zur Stärkung unserer Selbstbestimmung¹ ist. Aber wenn wir erfolgreich sein wollen, halte ich es für sinnvoll auch zu sehen, was in der Vergangenheit passierte. Es ist klar, dass in der industriellen Revolution die gesellschaftlichen Auswirkungen nicht nur von den Ingenieuren der Dampfmaschine geformt wurden.

Gleichermaßen müssen wir, wenn wir ein freies Internet für alle und demokratische Teilhabe für alle wollen, mehr als eine Bewegung von System-Administratoren sein. Wenn wir uns umschauen, gilt es Bündnisse zu schmieden, mit allen Arten von Menschen: mit BibliothekarInnen, die Wissen für jeden verfügbar machen wollen, mit Rucksack-TouristInnen, die eine Welt ohne Grenzen bereisen wollen oder mit Gruppen, die soziale Ungerechtigkeit und Diskriminierung bekämpfen.

Wir müssen eine politische Bewegung sein, die nicht nur von ihren Fähigkeiten, sondern von ihren Werten definiert wird. Wir förden Liquid Democracy, weil wir überzeugt sind, dass Menschen dazu fähig sind, politische Entscheidungen selbst zu treffen. Wir fördern Urheberrechtsreformen, weil wir überzeugt sind, dass jeder das Recht hat, das Wissen und die Kultur der Welt zu teilen. Und wir bekämpfen den Überwachungsstaat, weil in einer Demokratie die Menschen die Regierung überwachen und nicht andersherum.

Natürlich ist tiefes technisches Verständnis wichtig, um viele internet-politische Fragen zu verstehen. Ohne unsere technische Sachkenntnis wären wir unfähig, kluge Internet-Politik zu machen. Deswegen müssen wir fortfahren, uns in unseren Kernanliegen weiterzubilden.

Wir sollten CryptoParties veranstalten. Wir sollten Hackathons machen. Wir sollten Menschen darin unterrichten, wie das Internet funktioniert. Aber wir müssen begreifen, dass technisches Verständnis nicht unsere einzige und nicht unsere stärkste Waffe ist.

Unsere stärkste Waffe ist die Tatsache, dass wir eine internationale Bewegung sind. Wir leben in einer Welt, in der alles globalisiert wird, mit Ausnahme der Demokratie. Es braucht eine internationale politische Bewegung, dafür zu sorgen, dass eine verbundene Welt jedem zugute kommt, nicht nur denen, die bereits mächtig sind.

Nehmt zum Beispiel die globale Überwachung. Edward Snowden hat ohne Zweifel aufgezeigt, dass ein Geheimdienst, der seine eigenen Bürger überwachen will, einfach Daten mit einem Geheimdienst in einem anderen Land austauscht.

Aber uns wird von Politikern erzählt, dass, um uns vor der NSA zu schützen, unsere nationalen Geheimdienste gestärkt werden müssen. Um dieses Wettrüsten immer größerer Überwachung zu stoppen, müssen wir klarstellen, dass dies kein Konflikt zwischen Nationen ist. Das ist ein Konflikt zwischen außer Kontrolle geratenen Regierungen und den Menschen.

Um die globale Überwachung zu stoppen, brauchen wir globale Transparenz. Aber um unseren Stimmen weltweit Gehör zu verschaffen, brauchen wir transnationale Demokratie. Wir brauchen die Europäische Union. Aber wir dürfen ihr Demokratie-Defizit nicht als gegeben hinnehmen.

Stattdessen müssen wir in der Europäischen Politik aktiv sein, um es von einem Europa der Regierungen zu einem Europa der Menschen zu verwandeln. In den nächsten Jahren, werden wir eine der größten Gelegenheiten sehen, dieses Ziel zu erreichen und eine der größten Herausforderungen. Lasst mich zuerst über die Herausforderung sprechen.

Als ob sie nichts gelernt hätten aus der Niederlage von ACTA, ist die Europäische Kommission wieder einmal involviert in intransparente Verhandlungen über Handelsabkommen. Das wichtigste von ihnen ist TTIP, das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten. Wieder einmal finden die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen statt.

Ich denke die größte Gefahr von TTIP ist nicht, dass es gefährliche amerikanische Produkte auf europäische Teller bringen wird. Die größte Gefahr ist, dass es Unternehmen auf eine Stufe mit Staaten erheben wird. Dass die Interessen der Industrie künftig in jedem neuen Gesetz berücksichtigt werden müssen, das vorangetrieben wird.

Wie bei ACTA, ist der Rahmen in dem wir demokratische Entscheidungen treffen können in einem intransparenten Prozess verengt. In Verhandlungen, von denen die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist. Aber wie bei ACTA, haben wir die Möglichkeit TTIP zu stoppen, wenn wir als eine internationale politische Bewegung zusammenarbeiten, innerhalb und außerhalb des Europäischen Parlaments.

Aber im Europäischen Parlament können wir nicht nur Bedrohungen für die Demokratie stoppen, wir können auch Dinge verbessern. Hier liegt die große Gelegenheit der nächsten Jahre: Dies ist die Zeit um endlich das Urheberrecht zu reformieren. Nach Jahren des Drucks aus der Zivilgesellschaft und von Mitgliedern des Parlaments, hat die Europäische Kommission eine Konsultation zum Urheberrecht gestartet.

Die Konsultation traf auf überwätigendes öffentliches Interesse. Mehr als 10.000 Menschen antworteten auf die Befragung. Mehr als 10.000 Menschen teilten ihre Ansichten darüber mit, wie das Urheberrecht reformiert werden muss.

Indem wir Plattformen geschaffen haben, die es einfach machten an der Konsultation teilzuhaben, haben wir daraus eine echte Stimme der Menschen gemacht. Die Kommission ist sehr gut beraten, diese Unterstützung ernst zu nehmen und eine Urheberrechtsreform voranzutreiben, die keine Filesharer kriminalisieren oder Wissen wegschließen wird. Um das zu erreichen, müssen wir die Urheberrechtsreform nach vorn und ins Zentrum rücken.

Mehr als in vielen anderen Bereichen, macht ein europäischer Anstoß für eine Urheberrechtsreform Sinn. Niemand versteht, warum es mir in Frankreich nicht erlaubt ist, ein Bild des Europäischen Parlaments zu veröffentlichen – eines Gebäudes, das öffentlicher nicht sein könnte – weil der Architekt des Gebäudes das Urheberrecht hält. Niemand versteht warum in Deutschland die Hälfte aller Youtube-Videos „in Ihrem Land nicht verfügbar“ sind, obwohl Künstler Youtube für Werbezwecke nutzen möchten.

Das Internet ermöglicht uns, Wissen und Kultur über Grenzen hinweg zu teilen. Aber in diesem Moment stehen die zerstückelten und intransparent europäischen Urheberrechts-Regeln im Weg. Jetzt, da wir endlich einen Vorgang sehen, dass Urheberrecht zu reparieren, müssen wir in Aktion treten, innerhalb und außerhalb des Europäischen Parlaments.

Um unsere Vision einer freien Gesellschaft durch das Internet umzusetzen, müssen wir aktiv sein, müssen wir koordiniert sein und müssen wir laut sein. Diese Konferenz ist ein erster Schritt dazu, die Macht einer internationalen Bewegung für freie Kultur einzuspannen. Ich ermutige euch alle: Nutzt die Zeit, um Experten von NROs und aus der akademischen Welt zuzuhören, um eure Horizonte zu erweitern.

Aber am meisten von allen, nutzt die Zeit um miteinander zu reden, um aus euren gewohnten nationalen Gruppen auszubrechen. Knüpft neue Verbindungen und tragt euren Teil dazu bei, unsere globale Gemeinschaft zu stärken. Weil das unsere größte Stärke ist.

Lasst uns zusammen ein besseres Europa errichten, das mehr wie das Internet ist. Verbunden, hilfsbereit, eine Gemeinschaft von Gleichen.

Danke sehr.

Originaltext in englischer Sprache von Julia Reda (https://www.piratenpartei.de/2014/03/21/the-world-is-changing/) [CC-BY-SA-3.0-de], via Piratenpartei Deutschland

¹ engl. „empowerment“, die wörtlichere Übersetzung „Ermächtigung“ schien mir historisch zu vorbelastet; Anm. d. Übers.

 

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Wirtschaft für den Menschen oder Menschen für die Wirtschaft?

Ist die Wirtschaft für den Menschen da oder der Mensch für die Wirtschaft? Diese Frage stellt sich heute offenbar immer drängender, in einer Zeit der Finanz- und Wirtschaftskrisen, in der eine von den Bedürfnissen der Menschen losgelöste und zunehmend unverständlichere Wirtschaft Amok läuft, in der Interessen von Wenigen auf Kosten der Gesellschaft durchgesetzt werden und die Regeln „des Marktes“ beinahe schon als unumstößliche Naturgesetze erscheinen, in deren Auswüchsen auch die Politiker demokratischer Staaten schon lange keine Handlungsspielräume mehr sehen und bestenfalls noch reagieren können.

Wirtschaft als Werkzeug

Doch ist es ein fataler Irrtum zu glauben, die Regeln der Wirtschaft seien unveränderlich und ein noch fatalerer Fehler sich als Mensch von „der Wirtschaft“ gängeln, herumschubsen und vorschreiben zu lassen, was man zu tun und zu lassen habe: Denn die Wirtschaft und der Markt haben keineswegs irgendetwas mit Naturgesetzen gemein; vielmehr sind sie – im weitesten Sinne – Werkzeuge, geschaffen von und vor allen Dingen für Menschen.

Zugegeben ist ihre Funktion als Werkzeuge etwas abstrakter als beispielsweise die eines Akkuschraubers oder einer Kettensäge. Doch auch sie dienen einem bestimmten Zweck, beziehungsweise aufgrund ihrer hohen Komplexität auch mehreren – beispielsweise ermöglichen sie uns den Austausch von Waren und Arbeits- bzw. Dienstleistungen in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft. Dadurch sollen sie uns Arbeit abnehmen (oder zumindest helfen sie besser zu verteilen) und uns das Leben erleichtern.

Wie jedes andere Werkzeug und jede Technologie haben natürlich auch sie ihren Preis und verlangen uns gewisse Handlungen und Aufwendungen ab, um sie funktionstüchtig zu halten – so wie ein Akkuschrauber regelmäßig aufgeladen und eine Kettensäge geölt werden muss. Das ist unumgänglich. Doch die Art und Weise sowie das Ausmaß dieser Aufwendungen können und müssen wir beeinflussen, indem wir entscheiden, wie wir unsere Wirtschaft gestalten – also wie unser Werkzeug aufgebaut und designt ist; so dass die Art, wie unser Werkzeug beschaffen ist, sich der Art anpasst, wie wir leben möchten und nicht wir uns dem Werkzeug unterwerfen. Dabei sollten wir immer im Hinterkopf behalten: Verlangt uns ein Werkzeug mehr Aufwendungen ab, als es uns Nutzen verschafft, hat es seinen Sinn als Werkzeug verloren.

An diesem Punkt scheint unsere Wirtschaft – zumindest für die Mehrheit der Gesellschaft – momentan zu sein. Es gibt zwar noch Profiteure unserer derzeitigen Wirtschaftsordnung (und diese profitieren sogar in einem Maß von ihr, das jeden vernünftigen Rahmen sprengt), doch die große Masse aller Menschen gehört nicht dazu. Stattdessen rackern sie sich ab, um die Aufwendungen für ein Werkzeug zu erbringen, das längst anderen dient und erhalten dafür eine Gegenleistung, die den Namen nicht verdient.

Wie aber sollte unsere Wirtschaftsordnung nun beschaffen sein, damit sie wieder zu jenem unserem nützlichen Werkzeug wird, von dem wir alle wollten, dass sie es wäre? Der geneigte Leser, der bis hierhin ausgehalten hat, wird sich wohl bereits denken, dass mir dazu bereits eine grobe Idee vorschwebt und so soll sie auch nicht verborgen bleiben:

Was nicht funktioniert hat

Das Werkzeug namens Wirtschaft komplett abzuschaffen, steht wohl nicht zur Diskussion – zwar könnten wir es natürlich, doch hängt unsere Zivilisation in zu hohem Maß davon ab. Nach allgemeiner Auffassung konkurrieren zwei mögliche Wirtschaftsordnungen miteinander, die in unterschiedlichen Abstufungen existieren (oder existiert haben) und als einander gegenüber stehend betrachtet werden: Der Kapitalismus bzw. die freie Markwirtschaft und der Kommunismus bzw. Sozialismus:

Grob vereinfacht vetritt der Kapitalismus das Konzept des freien Unternehmertums, d.h. private Unternehmer halten – je nach ihrem verfügbaren Kapital und kaufmännischen Geschick – das Eigentum an den Produktionsmitteln bzw. Unternehmen, wobei grundsätzlich jedermann Unternehmer sein kann und darf; es de facto aber nur wenige Menschen tatsächlich sind. Die Festlegung von Preisen und Produktion erfolgt durch Wettbewerb der Unternehmen an einem (mehr oder weniger) freien Markt.

Der Kommunismus dagegen vertritt das Konzept des gemeinschaftlichen bzw. Volks-Eigentums an den Priduktionsmitteln bzw. Unternehmen. Da da Volk als eigene Entität – da bestehend aus Tausenden bis hin zu Milliarden von Menschen – wenig handlungsfähig ist, wird es zu diesem Zweck de facto meist repräsentiert durch den Staat, der (mehr oder weniger) als Vertreter des Volkes agiert. Die Unternehmen sind also meist verstaatlicht und die Preisentwicklung und Produktion zentral gesteuert.

Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall der Sowjetunion herrscht allgemein die Ansicht vor, der Kapitalismus habe über den Kommunismus triumphiert und sich als das bessere Wirtschaftssystem herausgestellt. Angesichts der derzeitigen enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Missstände darf das allerdings gelinde gesagt bezweifelt werden – was nicht bedeutet, dass der Kommunismus die bessere Wahl wäre. Vielmehr funktionieren beide Systeme nicht und das aus ein und dem selben Grund:

Warum es nicht funktioniert hat

Beide Wirtschaftsordnungen sind für den Zweck, den sie erfüllen sollen, zu zentralistisch. Die grundlegenden Machtpositionen beider Wirtschaftsordnungen – bedingt durch das Eigentum an den Produktionsmitteln bzw. den Unternehmen – haben in großer Masse nicht diejenigen inne, deren Werkzeug die Wirtschaft eigentlich sein soll: Diejenigen Menschen, die produzieren und diejenigen, für die produziert wird.

Im Kapitalismus liegt dieses Eigentum in der Masse bei einigen wenigen Unternehmern, die ihre Unternehmen und damit letztendlich auch die Wirtschaft als Werkzeug zur Mehrung ihres perönlichen Profites anstatt zur Erfüllung der Bedürfnisse und Interessen der Gesellschaft nutzen. Im Kommunismus liegt dieses Eigentum de facto in der Hand einiger weniger Politiker, die im Grunde dasselbe tun. Der Vollständigkeit halber zu erwähnen sei hier noch das Konzept der sozialen Marktwirtschaft, bei der die wirtschaftlichen Machtpositionen möglichst gleichmäßig zwischen Staat/Politikern und Unternehmern aufgeteilt werden sollen, indem beide Seiten für die jeweils andere als Korrektiv wirken – doch auch diese Variante ist leider nicht weniger zentralistisch und stellt letztlich nur einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Kommunismus dar, aber keine grundlegend neue Wirtschaftsordnung.

Eine neue Wirtschaftsordnung

Was wir folglich brauchen, damit die Wirtschaft als Werkzeug wieder der gesamten Gesellschaft dient und nicht einigen wenigen Machthabern in herausgehobener Position, ist eine dezentralisierte Wirtschaftsordnung, in der das Eigentum an den Produktionsmitteln und Unternehmen den Menschen gehört. Denn selbst wenn man den Machthabern einer kapitalistischen oder kommunistischen Wirtschaftsordnung unterstellt, sie hätten nur das beste Interesse der Gesamtgesellschaft und nicht nur ihr eigenes Interesse im Sinn – was wohl jeder normalen Lebenserfahrung widerspricht – so könnten diese Machthaber gar nicht bis ins kleinste Detail wissen, was im Interesse der Gesellschaft liegt und können auf wechselnde Erfordernisse in bestimmten Regionen, Branchen oder Betrieben nur sehr langsam reagieren. So wurde eben auch dem Kommunismus mit seinen 1-, 10- und 50-Jahres-Plänen immer vorgeworfen zu unflexibel zu sein. So unflexibel ist aber jede Wirtschaftsordnung, bei der die Entscheidenden zu weit entfernt von denjenigen sind, über die entschieden wird; so auch der Kapitalismus mit seinen großen, hierarchischen multinationalen Konzernen.

Wir brauchen also eine Wirtschaftsordnung bei der das Eigentum und damit auch die Entscheidungsgewalt über Produktion und Unternehmen bei den Menschen liegt, die von den Entscheidungen betroffen sind: Bei den Kunden und Mitarbeitern des Unternehmens. Wobei dem Grundsatz gefolgt werden sollte: So dezentral wie möglich, so zentralistisch wie nötig. Unternehmen sollten nach diesem Ansatz nach Möglichkeit auch gar nicht wachsen oder expandieren, sondern in ihrem ursprünglichen, bekannten, regionalen Umfeld tätig sein. Auch viele Politiker heutiger kapitalistischer Staaten sehen die Vorteile einer dezentralisierten Wirtschaft bereits, ziehen jedoch noch nicht die richtigen Schlüsse daraus: Nicht umsonst werden allenthalben kleine und mittelständische Unternehmen und Familienbetriebe als Rückgrat der Wirtschaft gepriesen. Auch hier liegt die Entscheidungsgewalt nicht zwingend bei den betroffenen, aber die Unternehmer sind zumindest meist in ihrem „Absatzmarkt“ zu Hause und kennen die Interessen ihrer Kunden und Mitarbeiter, die oft auch ihre Freunde und Nachbarn sind, noch aus eigener Erfahrung. So wirkt hier noch stärker ein gesellschaftliches Verantwortungsgefühl, das schlicht aus der Nähe zu den Menschen resultiert, für die und mit denen man produziert. Auch hier kann man natürlich noch besser werden.

Was jetzt zu tun ist

Unser derzeitiges Rechtssystem bietet auch bereits Ansätze um eine solche dezentralisierte – und nebenbei auch viel demokratischere – Wirtschaft zu ermöglichen, beispielsweise das Konzept der Genossenschaften, in denen je nach Ausrichtung prinzipiell jeder Kunde und Mitarbeiter Genosse werden und über die Geschicke des Unternehmens mitbestimmen kann. Ihrer Natur gemäß kann eine solche dezentralistische Wirtschaftsordnung natürlich nicht zentral – beispielweise staatlich – verordnet werden. Hier kann höchstens gefördert und Vereinfachungen und Anreize geboten werden. Auf die Politiker können und sollten wir hier nicht bauen:

Es liegt an uns, an jedem einzelnen Menschen, sich mit anderen zusammen zu tun und in unserem ganz persönlichen Umfeld und Lebensbereich mitzuentscheiden und zu -bestimmen, was für uns das richtige ist, so dass auf lange Sicht auch die gesamte Gesellschaft die Wirtschaft hat, die sie verdient und braucht. Damit die Wirtschaft wieder den Menschen dient und nicht umgekehrt. Es wird ein Mehr an Verantwortung, aber auch ein großes Mehr an Selbstbestimmung, Wohlstand und Freiheit auf uns zu kommen, wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen.

Machen wir uns auf den Weg.

 

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